Grenzwerte von Funktionen

Wie wir uns einem Punkt annähern, ohne ihn jemals berühren zu müssen.

In der Analysis betrachten wir oft das Verhalten von Funktionen an Randpunkten ihres Definitionsbereichs oder an Stellen, an denen sie gar nicht definiert sind. Manchmal wollen wir wissen, was passiert, wenn wir uns einem Punkt beliebig dicht annähern, ohne ihn direkt auszuwerten. Genau hier benötigen wir Grenzwerte.

Grenzwert an einer endlichen Stelle

Intuition

Finite Limit Intuition

Ich stelle mir den Grenzwert gerne als einen präzisen Zielvorgang vor. Du versuchst, einen Pfeil auf eine Zielscheibe zu schiessen. Der gewünschte Treffpunkt auf der y-Achse ist der Grenzwert LL. Wenn du willst, dass dein Pfeil höchstens um die Toleranz ε\varepsilon vom Zentrum abweicht, musst du deine Hand beim Zielen auf der x-Achse stabilisieren. Die Toleranz deiner Hand ist das Fenster δ\delta. Egal wie streng die Zielvorgabe ε\varepsilon ist, solange du deine Hand ruhig genug hältst, triffst du. Wir wackeln also mit dem Input innerhalb von δ\delta und der Output wackelt als direkte Konsequenz höchstens um ε\varepsilon.

Definition

Die logische Zwangsläufigkeit dieses Satzes liegt in der strengen Abhängigkeit. Das δ\delta reagiert auf das ε\varepsilon. Weil wir für jede noch so kleine Output-Toleranz ein passendes Input-Fenster finden können, ist die Annäherung an den Grenzwert unausweichlich.

Beispiel

Finite Limit Example

Betrachte die Funktion f(x)=2xf(x) = 2x an der Stelle x0=3x_0 = 3. Wir vermuten den Grenzwert L=6L = 6 und schreiben limx32x=6\lim\limits_{x \to 3} 2x = 6. Für eine gegebene Toleranz ε>0\varepsilon > 0 wählen wir δ=ε/2\delta = \varepsilon / 2. Für alle xx mit 0<x3<δ0 < |x - 3| < \delta folgt durch Einsetzen sofort 2x6=2x3<2δ=ε|2x - 6| = 2|x - 3| < 2\delta = \varepsilon. Der Output bleibt zwingend im geforderten Bereich.

Gegenbeispiel

Finite Limit Counterexample

Die Vorzeichenfunktion, die für negative Inputs 1-1 und für positive Inputs 11 ausgibt, hat bei x0=0x_0 = 0 keinen Grenzwert. Wenn wir ε=0.5\varepsilon = 0.5 wählen, gibt es kein funktionierendes δ\delta. In jedem noch so kleinen Intervall um die Null herum gibt es positive und negative Inputs. Die Outputs springen zwischen 1-1 und 11 hin und her. Der Abstand der Outputs zueinander ist 22. Sie können unmöglich beide gleichzeitig weniger als 0.50.5 von einem einzigen Wert LL entfernt sein.

Übungen

  1. Gegeben sei die ε\varepsilon-δ\delta-Definition des Grenzwerts. Was passiert geometrisch, wenn wir ε\varepsilon kleiner machen?

    • (a) Das δ\delta-Intervall auf der x-Achse wird in der Regel breiter.
    • (b) Das δ\delta-Intervall auf der x-Achse muss in der Regel schmaler gewählt werden.
    • (c) Die Funktion wird an dieser Stelle differenzierbar.
  2. Betrachte f(x)=xsin(1/x)f(x) = x \sin(1/x) für x0x \neq 0. Hat diese Funktion einen Grenzwert für x0x \to 0?

    • (a) Ja, der Grenzwert ist 00, weil der Faktor xx die Oszillation dämpft und alles gegen null zwingt.
    • (b) Nein, die Sinus-Komponente oszilliert zu stark.
    • (c) Der Grenzwert ist unendlich.