Differenzierbarkeit
Wann eine Funktion unter dem Mikroskop wie eine Gerade aussieht, und wann nicht.
In diesem Beitrag geht es um die lokale Linearisierung von Funktionen. Unter dem Mikroskop soll der Graph wie eine Gerade aussehen. Wir präzisieren, was das heisst, und sehen, dass Stetigkeit dafür nicht reicht und dass selbst eine existierende Ableitung nicht stetig sein muss.
Differenzierbarkeit in einem Punkt
Intuition

Stell dir vor, du zoomst immer näher an den Graphen einer Funktion heran. Bei vielen Funktionen wird der Graph unter diesem unendlichen Zoom flach wie eine Gerade. Die Steigung dieser Gerade ist die Ableitung. Der Differenzenquotient misst die Sekantensteigung zwischen und . Schickt man gegen null, wird aus der Sekante die Tangente.
Definition
Der Quotient heisst Differenzenquotient. Existiert der Grenzwert, spricht man vom Differentialquotienten. Existiert für jedes in einem Intervall , so heisst differenzierbar auf .
Beispiel
Betrachte an einer beliebigen Stelle . Der Differenzenquotient lautet
Für erhalten wir . Die Tangente in ist also .
Satz
Die Kernaussage
Schreibe . Der Differenzenquotient konvergiert gegen , und gegen null. Das Produkt geht also gegen null, und damit gilt .
Gegenbeispiele
Gegenbeispiel 1: stetig, aber nicht differenzierbar

Die Betragsfunktion ist überall stetig, aber bei nicht differenzierbar. Für gilt
Für gilt
Linker und rechter Differenzenquotient konvergieren gegen verschiedene Werte. Der Grenzwert für existiert also nicht. Am Nullpunkt sitzt ein Knick: unter dem Mikroskop bleibt der Graph eine Ecke und wird nie zu einer Gerade.
Ein verwandtes Beispiel aus der Serie ist für und . Diese Funktion ist bei null stetig (Sandwich mit ). Der Differenzenquotient bei null ist aber
Dieser Ausdruck oszilliert zwischen und und konvergiert nicht. Mit der Nullfolge erhält man abwechselnd die Werte und .
Gegenbeispiel 2: differenzierbar, aber nicht

Nicht jede differenzierbare Funktion hat eine stetige Ableitung. Definiere
Wegen liefert der Sandwichsatz :
Für gilt mit Produkt- und Kettenregel
Der Term oszilliert wild, wenn gegen null geht. Es gibt also keine stetige Fortsetzung von nach null, obwohl existiert. Kurz: differenzierbar heisst nicht automatisch .
Übungen
-
Welche der folgenden Funktionen ist bei differenzierbar?
- (a)
- (b)
- (c) für ,
- (d)
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Warum reicht Stetigkeit nicht aus, um Differenzierbarkeit zu garantieren?
- (a) Weil stetige Funktionen unbeschränkt sein können.
- (b) Weil der Differenzenquotient trotz stetigem Graphen keinen Grenzwert haben muss, etwa bei einem Knick.
- (c) Weil Stetigkeit nur auf kompakten Intervallen gilt.
- (d) Weil jede stetige Funktion eine stetige Ableitung besitzt.
-
Sei für und . Welche Aussage ist korrekt?
- (a) ist bei null nicht differenzierbar.
- (b) ist bei null differenzierbar und ist bei null stetig.
- (c) ist bei null differenzierbar, aber ist bei null unstetig.
- (d) ist bei null unstetig.